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+++ Jörg Kässmann im Interview +++

Der Plan war eigentlich ein anderer: Profikarriere einschlagen, verletzungsfrei bleiben ohne den Körper zu verschleißen, später vielleicht eine Torwartschule eröffnen. Jörg Kässmann wurde DFB-Pokalsieger mit Borussia Mönchengladbach und bestritt Europapokalspiele im Tor, nach Plan verlief im Leben des heute 48-Jährigen aber wenig. »Mein Leben war bislang immer eine Berg- und Talfahrt«, sagt der gebürtige Gießener.


Beidseitige Leistenoperationen, Arthrose im Knie und ständige Gelenkschmerzen sorgten dafür, dass Kässmann im Profifußball präsent war, aber nie den ganz großen Durchbruch schaffte. Mit 30 Jahren kehrte der Keeper, wie er selbst zugibt, »eher unfreiwillig« zurück in die mittelhessische Heimat. Dort ging der Ex-Profi als Dreißiger in die Schule mit 18-Jährigen. »Das war nicht einfach«, sagt Kässmann, der sich nicht hängenließ, ins normale Leben fand und inzwischen seinen Platz in Mittelhessen gefunden hat.

„Ein Leben ohne Fußball gibt es bei Jörg Kässmann nicht“

Seit über einem Jahrzehnt arbeitet er bei einem Computer-Großhandelsunternehmen in Garbenteich und wohnt mit seiner Familie in einem Haus mit Garten in Reiskirchen-Lindenstruth. Ohne das runde Leder geht’s aber natürlich nicht. »Ein Leben ohne Fußball gibt es bei Jörg Kässmann nicht.« Sechs Tage in der Woche steht der Ex-Keeper, der fünf Bundesligaeinsätze für Borussia Mönchengladbach absolvierte, auf dem Fußballplatz. Noch immer spielt er für die Weisweiler-Traditionself (»Das gönne ich mir«) und ist Torwarttrainer beim Hessenligisten aus Watzenborn-Steinberg und beim Verbandsliga-Team in Fernwald.

FUSSBALL HAT AUCH MIT EMOTIONEN ZU TUN. WENN ICH EIN GEGENTOR KASSIERT HABE, BIN ICH REGELRECHT KAPUTTGEGANGEN

Jörg Kässmann

Dass die Saison seit einigen Wochen wieder läuft, freut auch seine Frau: »Sie fragt nach zwei Wochen Sommerpause wirklich, wann die Vorbereitung endlich wieder losgeht, weil ich so unruhig werde.« Bislang kamen beide aber gut miteinander aus, seit 23 Jahren sind sie verheiratet. Wer sich mit Jörg Kässmann unterhält, spürt vor allem eines: viel (Lebens-)Erfahrung.

Herr Kässmann, wenn man mit Weggefährten von Ihnen spricht, betonen alle ihren großen Ehrgeiz. Woher kommt der und wie vermitteln Sie das Ihren Torhütern?

Jörg Kässmann: Mit 18 Jahren habe ich mich so schwer verletzt, dass ich fast zwei Jahre pausieren musste. Mit 20 Jahren sagte ich mir: Das kann es noch nicht gewesen sein. Da habe ich mich reingesteigert, mehr gemacht, als man muss. Außerdem habe ich im Profibereich später gesehen, wie jeder für seinen Vertrag kämpfen muss. Fußball hat auch mit Emotionen zu tun. Wenn ich ein Gegentor kassiert habe, bin ich regelrecht kaputtgegangen. Ich sage immer zu meinen Torhütern: Ihr müsst mehr aus euch rausgehen. Ihr seid am Ende diejenigen, die den Ball aus dem Tor holen. Von den 300 Zuschauern gucken erst mal 280 auf den Keeper und sagen: Ja, den hätte er ja halten können. Das muss euch immer bewusst sein, dementsprechend müsst ihr immer bei der Sache sein. Ein Torwart muss auch etwas darstellen, wo die anderen sagen: Da steht ja ein Verrückter, ein positiv Verrückter im Tor.

Der die anderen fliegen lässt: Jörg Kässmann bei der Arbeit als Torwarttrainer. (Foto: sno)
Der die anderen fliegen lässt: Jörg Kässmann bei der Arbeit als Torwarttrainer. (Foto: sno…

Wie hat sich das Torwarttraining im Vergleich zu Ihrer Zeit verändert?

Kässmann: Zu meiner Zeit galt noch: Bei einem guten Training ist der Torhüter nach 20 Minuten kaputt, da ging’s nur links, rechts, hoch, runter. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Wichtig ist, dass die Übungen sauber ausgeführt werden. Aber natürlich gibt’s auch bei mir mal harte Einheiten. Ich bin ein Torwarttrainer, der von seinen Jungs etwas verlangt.

Sie arbeiten mittlerweile Vollzeit bei einem Computerunternehmen – welche Bedeutung hat der Fußball für Sie noch?

Kässmann: Der Fußball hat einen Riesenstellenwert. Er hat mir viel gegeben. Ich werde immer wieder die positiven Seiten rausziehen. Das sind vor allem die Momente als Profi. Für mich war es natürlich eine Riesengeschichte, als wir DFB-Pokalsieger wurden und du da plötzlich in Berlin auf dem Balkon stehst und das Ding hochhältst. Viele fragen mich heute noch, wie Stefan Effenberg war, weil ich drei Jahre mit ihm zusammengespielt habe. Ich sage immer: Solche Typen mag ich, die eckig und kantig sind. Ich bin auch nicht der Einfachste und sage meine Meinung.

Sie waren Mitte der 90er für drei Jahre in Gladbach, haben danach zwei Jahre bei Roda Kerkrade gespielt – und sind dann nach Mittelhessen zurückgekehrt, wo Sie bis heute geblieben sind. War die Rückkehr in die Heimat freiwillig?

Kässmann: In Kerkrade hatte ich viel Verletzungspech, ich hatte beidseitige Leistenoperationen, Rückenschmerzen, Arthrose im Knie. Der Körper war mit 30 Jahren ziemlich darnieder. Der Verein sagte: Mit dir können wir schlecht planen. Ich hatte dann zur Zeit von Ralf Rangnick in Ulm die Möglichkeit, in die 2. Liga zu wechseln. Das habe ich meinem Körper aber nicht zugemutet und bin zu meinem Freund Dr. Günther Moll zum VfB 1900 Gießen. Ich bin nicht ganz freiwillig zurückgegangen, es war für die Gesundheit.

Jörg Kässmann in dieser Woche auf dem Sportplatz in Watzenborn-Steinberg. (Foto: sno)
Jörg Kässmann in dieser Woche auf dem Sportplatz in Watzenborn-Steinberg. (Foto: sno)

Wie schwer war die Zeit nach der Abkehr vom Profigeschäft?

Kässmann: Ich war nach meiner Fußballzeit vier Monate arbeitslos. Mit 32 Jahren bin ich dann noch mal in die Schule gegangen. Auch nicht so einfach, wenn du dann noch mal mit 18-Jährigen zusammensitzt. Ich habe im April mit Kerkrade noch Europapokal gespielt und zwei Monate später sitzt du beim Arbeitsamt, ziehst eine Nummer und sitzt vor einem Angestellten, der denkt: Ach du sch…, schon wieder so ein Profifußballer. Da merkst du schon eine gewisse Ablehnung. Dass das keine schöne Zeit war, ist klar. Aber da musst du für dich den Ehrgeiz entwickeln: Komm, es geht weiter. Da hat mir meine Familie Auftrieb gegeben. Die Geschichte hat gezeigt: Es geht weiter.

WENN ICH IN MEINEN KÖRPER REINHORCHE, WERDE ICH SCHON IRGENDWANN MIT ERSATZTEILEN GESEGNET SEIN

Jörg Kässmann

Nach einigen Jahren beim VfB 1900 und fast einem Jahrzehnt beim SC Waldgirmes haben Sie 2009 Ihre Karriere beendet und sind seitdem als Torwarttrainer aktiv – in Pohlheim und Fernwald, trotz Vollzeitjob.

Kässmann: Es ist auch jetzt eine große Belastung. Ich bin heute direkt von der Arbeit zur Teutonia gefahren – ich nenne es immer das magische Dreieck: Garbenteich, Watzenborn-Steinberg, Fernwald. Bis um 17 Uhr arbeite ich in der Regel, montags geht’s dann um 19 Uhr nach Fernwald zum Training. Von Dienstag bis Donnerstag fange ich eine Stunde früher an und höre früher auf, weil in Pohlheim um 17 Uhr trainiert wird. Manchmal ziehe ich mich dann schnell um und hänge danach noch eine Einheit in Fernwald dran. Frei nach der Arbeit um 17 Uhr habe ich nur am Freitag.

Trotz Ihrer körperlichen Beschwerden – irgendwann dürfte eine Knie-OP unumgänglich sein, oder?

Kässmann: Ja, kann sein. Aber dann stehe ich nach vier Wochen wieder auf dem Platz. (muss selbst laut lachen). Aber im Ernst: Wenn ich in meinen Körper reinhorche, werde ich schon irgendwann mit Ersatzteilen gesegnet sein. Ich hoffe, dass dann alles gut verheilt, weil ich ja auch noch in der Gladbacher Weisweiler-Elf aktiv bin – und das lasse ich mir nicht nehmen.

Ist es für Sie irgendwann ein Thema, aus dem Fußball auszusteigen?

Kässmann: Das ist eine Vorstellung, die fast gar nicht geht. Ich fühle mich bei den beiden Vereinen pudelwohl. Sowohl Watzenborn-Steinberg als auch Fernwald haben sich in den letzten Jahren entwickelt. Ich hoffe, dass es bei beiden noch so lange wie möglich geht. Wie gesagt: Ein Leben ohne Fußball gibt es bei Jörg Kässmann nicht.

Quelle: Giessener Allgemeine (S. Nordmann)

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